10 Dinge an denen Du merkst das Du Pflegemutter bist

10 Dinge an denen Du merkst das Du Pflegemutter bist

Ich hab versprochen, aufgrund der hohe Nachfrage und dem damit verbundenem Interesse, Euch mehr in unsere Welt als Pflegefamilie mit zu nehmen. Da ich mich da sensibel herantasten werde, hoffe ich, das Ihr gnädig mit uns umgehen werdet. Wenn Ihr Fragen habt, stellt sie gerne, akzeptiert aber auch, wenn es die ein oder andere geben wird, die wir aus verschiedenen Gründen nicht beantworten können.

Seid herzlich willkommen Schritt für Schritt einen kleinen Einblick in unsere etwas andere Familie zu bekommen. Denn normal das gibt es ja schon und wo Liebe ist, ist auch Familie! Als Pflegemutter und Pflegevater sind wir einfach Eltern. 

Aber heute hab ich meine ganz persönlichen

10 Dinge an denen Du merkst das Du Pflegemutter bist

 

1.  Alles ist plötzlich

Du hast plötzlich ein Kind im Haus. Dabei kommt es nicht darauf an, ob Du ein „fremdes“ Kind und Dich darauf aktiv vorbereitet und Dich mit diesem Thema und der Entscheidung auseinandergesetzt hast (in dem Fall hast Du sogar einen Kurs besucht und Dich einfach viel damit beschäftigt). Oder ob Du ganz plötzlich als Verwandte mitten im Scherbenhaufen einer geplatzten Bombe stehst. Du hast plötzlich ein Kind im Haus und die Theorie kann einen doch nie ganz auf die Realität vorbereiten.

2.  Deine Emotionen fahren Achterbahn – immer wieder

Du durchlebst eine emotionale Achterbahn. Egal ob Du ein Kind aus der Familie oder ein „fremdes“ Kind in Deinem Haushalt wohnt. Du wirst emotional einmal durchgeschüttelt und auf den Kopf gestellt und gerade wenn Du denkst, es wird ruhiger – dann geht es von vorn los. Bei uns ist es ganz viel wirklich wie eine Achterbahn und mit der Zeit lerne ich die Hochphasen  mehr zu schätzen und von diesen in den Tiefphasen zu zehren.

3. Du verfügst über einen erweiterten Horizont

Mich jemals mit Themen wie der Biographiearbeit, zerstörte Kinderseelen, Jugendlichen-Traumata und all diesen Themen auseinander zu setzen hat meinen Horizont wirklich erweitert. Viele wissen es nicht, aber nachdem ich selber nicht bei meinen Eltern groß geworden war, wollte ich immer gerne etwas „zurückgeben“. Aufgrund meines ausgeprägten Helfersyndroms hab ich mich leider gescheut in die Jugendarbeit zu gehen. Aber manchmal hab ich schon das Gefühl irgendetwas nach meinen Möglichkeiten zurück zu geben.

4.  Du machst Dich selber schlau – kein Amt trägt Dir die Information hinterher

Ich habe in den letzen Jahren einige Pflegeeltern kennen gelernt – ja wir sind mehr etwas andere Familien als man so denkt – und ob in der Verwandten- oder Nichtverwandten-Pflege überall herrscht die Sehnsucht nach Informationen. Gerade in der Verwandtenpflege gibt es keinen wirklichen Ansprechpartner, da der Kinderpflegedienst nicht für einen zuständig ist und die Mitarbeiter des Jugendamts als „Allgemeiner-Sozialer-Dienst“ oftmals einfach nicht genügend Informationen haben. Ihr Aufgabenfeld liegt eigentlich woanders. Das merkst Du aber schnell, wenn Du Dich eben selber um Deine Infos bemühst.

5. Du hast einen zehrenden Kampf hinter Dir

Der Weg in die Pflegschaft, in der Pflege eines „fremden“ Kindes ist ein anderer – zu unserem kann ich gern an anderer Stelle mehr erzählen – aber wenn Du diesen gegangen bis und endlich da angekommen bist, das Du als Pflegemutter anerkannt bist, dann hast Du viel Ärger, viele Emotionen, viel Hoffen und Bangen hinter Dir. Leider auch Wut und Unverständnis – daraus nun etwas Positives zu ziehen und zu machen, das ist dann die Kunst des Pflegeelternsein – eine die nie fertig ist. Aber Du hast diesen Kampf ausgefochten und den Weg bestritten. Nun heißt es das Leben leben.

6.  Du hast auch Rechte u.a. das Recht auf das Kindergeld

Dir wurde auf Deinem Weg unendlich viel von Pflichten und Vorgaben, von Verpflichtungen und Dingen erzählt, die zu tun sind. Und ja, Du nimmst ein Kind auf und gehst damit eine reisen Verpflichtung ein – Verantwortung ist nichts kleines, aber verdammt nochmal: Du hast auch Rechte! Und diese solltest Du Dir genau so klar machen wie die Pflichten. Auch hier gilt leider wieder; informiere Dich selber, denn sonst erfährst Du nie davon und dabei hilft Dir unter anderem Punkt 7. Aber das Recht auf Kindergeld für alle im Haushalt lebende Kinder – auch die Pflegekinder – ist eines neben vielen anderen.
Lass Dir wenn möglich eine Vollmacht ausstellen mit Dingen, die Du im alltäglichen Leben ohne Jugendamt und leibliche Eltern entscheiden kannst. Das ist ein großes Stück Selbstständigkeit.

7.  Du hast Dir eine Lobby gesucht

Kaum eine Erfahrung hab ich intensiver gemacht als diese. Eine Lobby kann unterschiedlich sein. Wir sind Mitglieder einer Pflegeeltern-Gruppe in der sich ausschließlich Pflegeeltern in der Verwandtenpflege befinden. Dort tauschen wir uns über alltägliches aus. Ängste, Sorgen, Emotionen haben dort genau so Raum wie Trauer, Wut und auch politische Dinge. Wir berichten von Seminaren die einzelne Elternpaare besucht haben oder Arbeitsgruppen an denen sie teilgenommen haben. Wir lachen dort und kotzen und auch mal gehörig über alles aus. Das ist einfach ein geschützter Raum in dem sich Menschen in der gleichen Situation befinden. Eine sehr wichtige Erfahrung. Wir sind nicht allein – es gibt mehr von uns als wir denken!

8.  Du hast schon mindestens einmal das Gefühl gehabt Dich Rechtfertigen zu müssen

Ein eher unangenehmes Gefühl. In den Gruppen und Arbeitsgemeinschaften erfahre ich unter anderem immer von der Angst anderer Eltern, dass ihnen die Kinder wieder weggenommen werden und daher wollen sie sich immer gut mit allen stellen. Sie rechtfertigen sich oft gegenüber allem. Gegenüber dem Jugendamt, den leiblichen Eltern, in Kindergarten und oder Schule, dem Umfeld… Pflegeeltern haben immer wieder das Gefühl sich rechtfertigen zu müssen, für das was sie tun und was sie sind. Ich berichtete ja bereits in meinem offen Brief über mein schlimmste Erlebnis und das war nur eines davon. So hab ich z.B. lange gebraucht um nach Hilfe zu bitten, aus Angst, das Jugendamt könnte denken ich sei überfordert und mit den großen Jungen dann wieder wegnehmen. Daher kämpfe ich für weniger Rechtfertigung und mehr Akzeptanz!!! Gegen Vorurteile!.

9.  Du musst stetig verhindern, das andere Dinge untergehen – Pflegschaft ist ein Dominanz-Thema

Schon in der Entscheidungs-Phase nimmt die Pflegschaft einen großen Raum im Alltag ein. Während des Kampfes gibt es dann zeitweise kaum ein anderes Thema und genau da muss man aufpassen, dass andere Thermen nicht unter gehen. In unserem Fall z.B. müssen wir endlich wieder an unserer Partnerschaft arbeiten. Nicht weil wir in einer Kriese stecken, wir haben durch diesen Kampf und die familiären Ereignisse eine stärkere Bindung als je zuvor, aber wir haben in den letzen beiden Jahren wenig Paar-Zeit gehabt. Zeit in der wir einfach mal wieder etwas essen gehen oder ins Kino. Klar ist das nicht ganz aus unserem Leben verschwunden, aber das wollen wir wieder bewusster tun und so daran arbeiten, dass das ständig präsente Thema Pflegschaft einfach einen normalen Raum erhält mitten in unserem Leben als Pflegemutter und Pflegevater und sich nicht wieder das ganze Leben allein um die Pflegschaft dreht.

10. L I E B E und emotionale Erkenntnisse

Niemals hätte ich gedacht, dass ich jemals einen Menschen so sehr lieben könnte, wie ich es im Moment der Geburt der Motte empfand – das ist für Nicht-Eltern genau so schwer vorstellbar, wie für Nicht-Pflegeeltern. Aber ein Kind an zu nehmen, welches man nicht selber geboren hat, dass erfordert ein großes Herz. Ich bin dankbar dafür das mein Herz anscheinend groß genug für diese Aufgabe ist. Denn egal wie viel Ärger es hier gibt, egal wie viele wache Nächte ich hinter mir habe – ganz egal wie viele graue Haare mich die Pflegschaft kostet – Liebe ist der Schlüssel!!

 

Ich bin Pflegemutter, weil ich mich so fühle. Wir lassen den großen Jungen nicht bloß hier wohnen bis er Volljährig ist wie in einer WG – er ist unser Junge und kein Mitbewohner!! Ich bin Mutter – eben eine besondere – aber ich bin Mutter mit ganzem Herzen. Pflegemutter ist weder eine Auf- noch eine Abwertung.

 

Info: An dieser Stelle möchte ich eben einwerfen: Nicht alle Mitarbeiter des Jugendamtes sind wie wir es erlebt haben. DA her viel Überlastung und oft sind sie nicht auf einem aktuellem Kenntnisstand – das darf nicht sein, aber es sind zum Glück nicht alle gleich. Aber diese Umstände herrschen leider in verdammt vielen Jugendämtern

In diesem Sinne ~ nicht das Blut macht uns zur Familie, sondern die Liebe!!! Mein Herz ist das einer Mutter, einer Pflegemutter.

Mehr zum Thema Pflegschaft:
– Planänderungen ohne Pläne – denkste
– Liebe alte Tratschweiber
– Wie unterschiedlich ich meine Kinder liebe
– 10 Dinge die 2014 unser Leben verändert haben
Außerdem mein Gastartikel bei Familie Motte
♥ Kategorie Pflegschaft ♥

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Kategorie Pflegschaft

Hier schreibt JesS (33), (Pflege-) Mutter, Autorin und selbstständige Unternehmerin. Zwischen Pflegschaft, Elternsein, Gedanken, LifeStyle und der Liebe zur Fotografie nimmt sie Euch mit auf das Abenteuer Familienleben. Mit viel Herzblut, Authentizität und noch mehr Liebe zu den Dingen die sie tut.

8 Kommentare

  1. Hallo Jessica,
    ich bin eben via Facebook auf Deinen Blog gestoßen und finde Deine Beiträge über das Pflegeeltern-Sein ganz toll. Ich bin selbst Pflegemama eines kleinen Mannes (3,5 Jahre alt). Auch wir sind den langen und manchmal nervigen Weg gegangen, um Pflegeeltern zu werden. Aber es hat sich gelohnt. Für den kleinen Mann würden wir jeden einzelnen dieser Schritte jeden Tag wieder gehen. Und weißt Du, warum Pflegeeltern toll sind? Sie sind ganz besondere Menschen, denn nur besondere Menschen haben besondere Kinder!!

    LG,
    Miriam

  2. Der Artikel kam gerade zur Rechten Zeit. Bin eigentlich keine Pflegemutter (wobei mich der Gedanke seit meiner Jugend umteibt). Jetzt kam es aber so das wir plötzlich für eine begrenzte Zeit ein Pflegekind haben. Ein Klassenkollege meines Jüngsten. Sein Vater (alleinerziehend und sonst keine Verwandten in der Gegend) hatte einen Fahrradunfall und musste ins Krankenhaus. Uns bat er, das wir uns um den Sohn in der Zeit kümmern. Es ist anders. Plötzlich ein Kind mehr, ein Kind dessen vorlieben, geschmäcker, charakter etc man nicht kennt. Nicht weiß wie es auf emotionale Dinge reagiert. Mich schafft das nicht Körperlich, aber psychisch. Und auf der anderen Seite macht es Spaß und ist wirklich eine tolle Erfahrung.

    Wer weiß wohin mich dieser Schubs ins kalte Wasser bringt

    Danke für deinen Artikel

    Liebe Grüße
    Sabine

  3. Liebe Jessi,

    jetzt hab ich mich auch mal bei Dir ein bisschen umgeschaut, toller Blog!
    Dein Beitrag macht mir Mut und Hoffnung…egal, ob es für uns Richtung Adoption oder Pflege geht.

    Beste Grüße,
    FrauBitte

  4. Hallo Jessica,
    du schreibst mir so sehr aus der Seele…werde nun sicherlich öfter hier sein.
    Vielen Dank für deine so ehrlichen Worte. Man glaubt immer, man sei „unnormal“ wenn man so empfindet….aber es ist wohl doch normaler als ich dachte.

    liebe Grüße und bitte weiterschreiben

    Hexe

  5. Hallo Ihr Lieben,
    Dein Beitrag geht ins Herz……
    Gib Liebe und und bekommst Liebe und vieles wieder zurück !
    Ich bin Pflegemama, und möchte mich wieder um Kinder kümmern die ein zu Hause , eine Familie brauchen.
    Uns hat ein Kind (Mädel) aus einen Kinderheim ausgesucht.
    Nun gehe wir es langsam an !!!
    Ilona

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