Unsichtbar krank – Saskia und die Angst- und Panikerkrankung

Bella und die Hashimoto Thyreoiditis Unsichtbar Krank Titel

Vertrauen ist ein Gut welches man sich eigentlich erst erarbeiten muss, daher bin ich um so geehrter, dass Ihr es mir so sehr entgegen bringt – Ihr die mir jeder seine ganz persönliche Geschichte erzählt und damit ein Teil von  #unsichtbarkrank werdet.

So viel so sensible ehrlich und ergreifende Geschichten konnte ich lesen, Gespräche führen – in Seelen sehen. Ich bin noch immer total überwältigt und mit Dankbarkeit erfüllt. Ich alleine kann Euch höchstens von meiner Geschichte erzählen, aber zusammen geben wir den unsichtbaren Krankheiten da draußen eine Stimme – einen Raum, machen sie so sogar ein Stück sichtbarer und der ein oder andere ist sogar dazu bereit ihr (s)ein Gesicht zu geben.

Heute erzählt Euch Saskia von Essential Unfairness von ihrem Leben mit einer unsichtbaren psychischen Erkrankung. Einer Erkrankung unter der viel mehr Menschen leiden, als man es auf den ersten Blick sehen oder gar denken würde. Aber auch eine Erkrankung die für die nicht erkrankten Personen so unnachvollziehbar ist. Ängste und daraus entstehenden Panik, dass ist oft irrational und doch ist es da – für den Menschen ist es so real und so intensiv. Ich weiß wovon ich spreche und bin daher dankbar, dass Sasika den Mut hat, hier bei mir zu sprechen und dieser Krankheit ihr Gesicht zu leihen.

 

Unsichtbar Krank – das Leben mit einer unsichtbaren Krankheit
Saskia und die Angst- und Panikerkrankung

 

Unsichtbar krank - Saskia und die Angst- und Panikerkrankung

Bild&Rechte: Saskia

Wer bist Du beschreibe Dich in ein paar Sätzen.

Ich heiße Saskia, meine Leser*innen von Essential Unfairness kennen mich auch als Lareine oder eben als Ms. Essential. Ich bin 38 Jahre alt, habe vier Kinder zwischen 1 und 12 Jahren und bin seit 12 Jahren sehr glücklich verheiratet. Ich stamme aus einem einigermaßen idyllischen Kuhdorf aus Deutschlands westlichstem Westen und lebe nun am Niederrhein. Ich liebe das Nähen und Schneidern und bin ein Hörbuch-Junkie.

1. Welche unsichtbare Krankheit trägst du mit dir herum?
Ich habe seit rund acht Jahren eine Angst- und Panikerkrankung, die ich mit Hilfe einer Therapie und sehr viel eigener innerer Arbeit inzwischen im Griff habe.

2. Was hast du für Auswirkungen und sind diese bei jedem erkrankten Patienten gleich oder ähnlich?
Panikattacken und Ängste sind vielen Menschen sicherlich ein Begriff. Die Angst zu sterben oder verrückt zu werden kann Teil der Attacken sein und sie fußen alle auf den urzeitlichen “Fight oder flight-Mechanismus”: In einer Situation höchster Bedrängnis läuft der Körper auf Hochtouren, damit man rasch die überlebenswichtige Entscheidung treffen kann: “Laufe ich weg oder kämpfe ich?” Dies fühlt sich dann auch dementsprechend lebensbedrohlich an. Herz- und Pulsrasen, rauschende Ohren, subtiler Realitätsverlust, kribbelnde Gliedmaßen, Schwindel, Durchfall und eine unterschiedlich stark ausgeprägte Enge in der Brust können dazu gehören. Auf Grund der Symptome bekommen Patienten oft Angst, einen herzinfarkt zu erleiden.
Die allgemeine Angst ist – anders als die plötzlich auftretende Panik – eine Art übertriebene Dauersorge. Wer zu viele Misserfolge, den Verlust des Urvertrauens oder auch Traumata erleben musste, der neigt schneller dazu als andere Menschen. Personen, die von anderen Menschen angegriffen wurden oder plötzlich Schicksalsschläge erlitten, lernen, dass die Sicherheit im Leben ja in der Tat nur scheinbar existiert. In Wirklichkeit kann nun einmal jedem von uns täglich Furchtbares passieren. Auf diesem Wissen liegt während einer Angsterkrankung der Fokus. Der Mensch wird sorgenvoll und dauergestresst. Dieser Stress sorgt für eine so hohe innere Anspannung, dass zum Beispiel ein Druck im Bauch “ganz sicher einen Magendurchbruch” bedeutet oder die Freundin auf ihrer Flugreise “bestimmt verunglücken wird”.
Man sieht das Negative, ist dauerhaft angespannt und fürchtet alles (Un-)mögliche. Der angespannte Körper reagiert natürlich entsprechend und sorgt für reichlich Symtome, die viele Patienten dann “hypochondrisch” beobachten. Ebenso kann die Sorge vor Krankheit oder Tod eines Angehörigen ein Thema sein. Oder die Furcht vor anderen persönlichen Katastrophen.

3. Wie hast Du herausgefunden an welcher Krankheit Du leidest? War das auf den ersten Blick gleich ersichtlich oder musstest Du lange forschen bis klar war, welche unsichtbare Krankheit Dich nun auf Deinem Lebensweg begleiten wird?
Ich hatte 2007 plötzlich das Gefühl, nicht mehr genug Luft zu bekommen. Einfach so. Ich befand mich sonntagsmorgens mit den drei Kindern und meinem Mann beim Kuscheln im Bett. Ich sagte das meinem Mann natürlich sofort: “Ich bekomme nicht mehr genug Luft!”.Er erschrak natürlich total und er rief panisch den Notarzt. Dieser kam, untersuchte mich und sagte:
“Sie sind gesund. Lunge und Herz sind in Ordnung. Das, was sie da erlebt haben, ist psychisch. Ich rate dennoch zur Beruhigung einen Check-Up beim Hausarzt zu machen. Aber ich sehe sofort, dass es psychisch ist. Da rate ich ihnen, sich fachkundige Hilfe zu holen. Ansonsten keine Sorge, sie machen einen sehr gesunden Eindruck. Rein körperlich betrachtet.”
Das war also schnell klar, was mit mir los war.
Ich wollte mir auch Hilfe suchen, verschob das noch ein bisschen und dann kam ein größerer Umzug. Die Zeit verging. Als ich 2008 dann endlich begann, mich mit dem Gedanken an eine Therapie zu befassen, wurde mein Mann schwer krank und ich war bis zum darauf folgenden Jahr praktisch nur mit ihm beschäftigt. In dieser Zeit hatte ich keinerlei Angst oder Panik. Ich war allein für alle(s) verantwortlich. Für ihn im Krankenhaus, die Kinder, das Haus und meinen Job. Das hat mich stark sein lassen. Es gab keine Raum für “psychische Mätzchen” …
Danach aber spürte ich, dass mir diese Lebensphase doch viel abverlangt hatte. Die Ängste kamen wieder. Ich begann meine Therapie 2010 nach den üblichen Erstgesprächen, die ich alle mit dem gleichen Therapeuten führte.

4. Wie wirkt sich diese Krankheit in Deinem Alltag (und Dein Familienleben) aus. Orientierst Du Dich an der Krankheit oder orientierte Dein Alltag sich um sie herum – wie integrierst du beides?
Ich habe meine Erkrankung “nach innen” ablaufen lassen. Die Kinder haben davon nichts mitbekommen. Mit meinem Mann habe ich anfangs oft, später immer seltener, darüber geredet. Was hätte ich auch sagen sollen, außer immer das Gleiche? Das war mir unangenehm. Ich kam ewig nicht “vorwärts”, die Ängste wurden nicht weniger. Ich setzte mich zu sehr unter Druck und holte mich nicht da ab, wo ich stand. Ich hatte wenig Verständnis für mich, wollte die Erkrankung einfach “los werden”. Aber so funktioniert die Seele nun mal nicht. Sie zeigt auf, dass etwas nicht stimmt. Man kann das Thema (und sich slebst) dann entweder liebevoll annehmen. Oder lange darunter leiden.
Seit ich auf unserem Blog mal darüber schrieb höre, beziehungsweise lese, ich immer wieder “Das geht mir ähnlich” und manche Leserinnen (ja, bisher nur Frauen) freuen sich, dass jemand öffentlich darüber berichtet. Die Angsterkrankung läuft eben meist leise und unsichtbar ab. Jede*r Betroffene denkt: “Nur ich hab das. Die anderen wirken ja alle normal. Nur ich stehe beim Lidl an der Kasse und denke, ich sterbe gleich.” Aber so ist das nicht. Viele (und immer mehr) Menschen erleben das.

5. Wie reagiert Umfeld auf diese Krankheit?
Wie gesagt hat mein persönliches Umfeld davon wenig mitbekommen. Wenn ich davon einem*r Nicht-Betroffenen berichte, dann kann er sich meist nicht genau vorstellen wie das ist oder sagt “das kenne ich.”

6. Wie kann Dein Umfeld – wie können Außenstehende Dir helfen?
Helfen kann mir niemand direkt. Eher indirekt. Ein sicheres Umfeld, eine gute Beziehung und eine gewisse materielle Sicherheit sind gute Hilfen. Und natürlich ein verständnisvolles Ohr. Allerdings muss ich meine Gespräche über die Erkrankung, wie sicherlich die meisten anderen Erkrankten auch, immer etwas dosieren, um mein Umfeld nicht zu überfordern.

7. Ich selber habe gute und schlechte Phasen – woran erkennen Außenstehende ob Du gerade einen „Schub“ heißt eine schlechtere Phase hast ohne Dich fragen zu müssen? Geht das?
Fast gar nicht. Ich teile das inzwischen meinem Mann kurz mit. In Urlaub fahren zum Beispiel war so eine “Gefahrenphase”. Ich habe seit rund einem Jahr überwiegend keine Angst mehr. Aber Ortswechsel, Lärm, viele Menschen um mich, Problemphasen und andere bedrängende Situationen fordern mich sehr heraus. Da reagiere ich doch damit, mich lieber in mich selbst zu verkriechen und in den Ängsten die übliche, scheinbare Sicherheit zu suchen.

8. Wie wird Dir geholfen? Hast Du gute Ärzte? Nimmst Du Medikamente und wie stehst Du alternativen Heilmethoden gegenüber?
Ich habe einen ausgezeichneten Therapeuten und bin zusätzlich bereit, sehr intensiv an und mit mir zu arbeiten. Die Angsterkrankung ist immer nur ein Symptom für tiefer Liegendes. An das musste ich mich heranwagen. Und das war mitunter sehr anstrengend, vor allem, weil ich eben noch die Kinder, einen Job und das Haus “nebenbei” habe. Doch die Gespräche mit dem Fachmann, meinem sehr reflektierten Mann und meine Selbstreflexion waren sehr gute Hilfen.
Medikamente habe ich immer abgelehnt, egal wie schlimm es war. Ich wollte immer wissen, wie es mir “wirklich” geht. Medikamente hätten mich und meine echten Gefühle verändert. Die Angst ist wirklich oft dazu da, andere Gefühle zu überlagern. Wenn ich die Angst also auch noch überlagere, wie soll ich dann herausfinden, was ich wirklich fühle? Oder brauche? Oder will? Oder was ich mich trauen möchte, während ich meine Angst nutze, um mich selbst davon abzuhalten?
Irgendwann habe ich die Angst als eine Art Zigarette betrachtet. Klingt schräg, hm? Im Ernst:
Das ist wie eine Sucht: Die Angst suggeriert Sicherheit. Sie ist ein enges Gefängnis, in dem man sich gut auskennt. Man verlässt das Gefängnis ungern. Und in einer klassischen “Trigger-Situation” (also einem Moment, der die Angst herausfordern kann) ist es echt verlockend, nach der Angst zu greifen, wie nach einer Zigarette. Ich habe nie geraucht, das muss ich anmerken. Aber den Vergleich fand ich bisher recht passend. Die Angst schadet – die Zigarette auch. Als Raucher*in weiß man das eigentlich auch. Aber die Zigarette beruhigt so schön und ist eine Angewohnheit. Sie reguliert Gefühle. Genau wie die Angst.
Ich sage mir inzwischen beim Hauch eines Angst-Anflugs: “Stopp! Keine Kippe!” Das klappt richtig gut. Man muss stark bleiben. Zugleich aber hinsehen, warum man nun gerade Angst bekommen wollte. Dahinter steckt eben immer etwas: Unterdrückte Gefühle oder Bedürfnisse, ein gesamter Themenbereich wie die Freiheit des eigenen Ichs oder etwas Anderes. Also: “Kippe” weglassen und auf sich selber schauen.

9. Wenn ich Dir einen Tag schenken könnte, an dem Du nicht eine einzige Einschränkung und keinerlei Beschwerden hättest, was würdest Du machen?
Bungeejumping, wilder Ausritt über Stoppelfelder, nächtlicher Waldspaziergang und vor allem einfach mal tief entspannen.
Irgendwann werde ich diese Dinge machen können, wenn ich möchte. Im Moment konzentriere ich mich darauf, nicht “rückfällig” zu werden, sondern mich weiterhin mit gesunder Selbstliebe zu betrachten, denn diese fehlt Angsterkrankten oft. Sie kommen in ihrem Leben zu selten vor. Je mehr gesunden Raum ich mir in meinem Leben erarbeite, desto näher kommen Waldspaziergang und Stoppelfeldritt …

10. Wie ist Dein Weg mit der Krankheit trotzdem ein erfülltes und glückliches Leben zu führen?? Hast Du dazu eine besondere Einstellung oder einen besonderen Umgang mit Dir???
Ich habe die Krankheit als Ausdruck meiner Seele angenommen. Manchmal war ich wütend auf mich, weil ich mich dauernd “Ins Bockshorn jagen” ließ und wider besseren Wissens Angst hatte.
Dann habe ich erkannt, was die Ängste verursacht und konnte mich darin besser annehmen.
Man braucht sehr, sehr viel Geduld und muss eine Menge aushalten, wenn man eine solche Erkrankung hat. Vor allem eben auch, weil sie eben unsichtbar ist. Und weil viele sie nicht verstehen. Ich glaube, wenn man sagt. “Ich habe dauernd Knieschmerzen, aber das sieht man von außen nicht”, dann können die Menschen sich mehr darunter vorstellen als wenn man sagt: “Ich habe dauernd Angst zu sterben oder krank zu werden. Aber das sieht man eben nicht.”
Man braucht für sich selbst auch viel Verständnis, wenn man unsichtbar krank ist. Weil das Verständnis eben nicht einfach so von außen kommt. Ich habe beispielsweise einen sehr guten und ebenso klugen Freund, der mit meiner Erkrankung absolut nichts anfangen kann. Er sagt nur: “Ja, aber das ist doch Quatsch, dauernd Angst zu haben” und fertig. Nicht jeder kann das nachvollziehen, weil es eben manchmal auch krude wirkt, wenn man vor scheinbar lächerlichen Risiken Angst hat.
Glücklich sein kann man nicht nur, wenn alles zu perfekten Bedingungen abläuft. Man muss vielleicht lernen, die Welt einfach nicht schwarz-weiß zu sehen, wenn man krank ist, denke ich. Die ganzen vielen Grauzonen enthalten eine Menge Glück.

 


Noch immer bin ich ganz überwältigt von der positiven Resonanz und auch den Offenheit. Euer Vertrauen ist unendlich wertvoll und ich ich fühle mich geehrt, dass Ihr es mir entgegen bringt.

Saskia findet Ihr auch auf Twitter als @essentialunfair oder auch auf Facebook und ihre Texte vor allema uf ihrem Blog.

Mein Raum – Eure Stimme – zusammen machen wir sichtbar was sonst keiner sieht.

Wenn auch Du mir nun Deine Geschichte erzählen möchtest; schreib mir gerne eine Email, denn nur mit Euch zusammen funktioniert es sie sichtbar zu machen unsichtbarkrank @ feiersun.de

 

In diesem Sinne ~ das Leben leben und vielleicht seinen Blickwinkel darauf zu verändern, das können nur wenige Menschen.

 


Folgende Artikel durfte ich schon in dieser wundervollen Reihe veröffentlichen:

♥ Unsichtbar krank – Osteopenie – meine eigene Geschichte
♥ Unsichtbar krank – Chris und der Krebs

Ich danke Euch für Euer Vertrauen!!

 

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Kategorie Unsichtbar Krank

Hier schreibt JesS (32), (Pflege-) Mutter, Autorin und selbstständige Unternehmerin. Zwischen Pflegschaft, Elternsein, Gedanken, LifeStyle und der Liebe zur Fotografie nimmt sie Euch mit auf das Abenteuer Familienleben. Mit viel Herzblut, Authentizität und noch mehr Liebe zu den Dingen die sie tut.

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