Das Pflegekind – ein Interview aus vergangener Zeit

Das Pflegekind - ein Interview aus vergangener Zeit

Vor ganz langer Zeit gab ich mal ein Interview zu einer damaligen Serie “Nah dran!”. Den Blog von Nele gibt es in seiner ursprünglichen Art nicht mehr, denn sie ist nun Teil des Blog-Konzepts von Vox und blogt auf Blogwalk.de wo es ihre Serie nur noch in einer anderen Version gibt (Zielgruppe und so, daher verstehe ich das schon ganz gut). Da mir aber dieses erste Interview so viel Freude bereitet hat, dachte ich, ich kram es einfach wieder raus und zeige es Euch – gerade weil das Thema Pflegekind mehr Raum auf dem Blog bekommen soll. Aus dem Jahr 2014

Das Pflegekind – eine etwas andere Familie

 

Wie kommt es, dass du ein Pflegekind hast ?

Das Pflegekind ist unser Neffe (also der Sohn der Schwester meines Mannes). Ich kenne ihn nun schon seit zehn Jahren und mein Mann ihn natürlich von Geburt an. Von Anfang an war mein Mann eine Art Vaterersatz für den Jungen und seit Jahren haben sich immer wieder Diskrepanzen mit dem leiblichen Vater aufgebaut und hoch geschaukelt. Gepaart mit der Unterschiedlichkeit der Charaktere zwischen Vater und Sohn und der wachsenden Pubertät ging es nun nicht mehr zu Hause. Seit Dezember lebt der Junge nun bei uns. Es war ein harter Kampf in den letzten Monaten, aber gesundheitlich und emotional geht es dem Jungen nun immer besser und mit seinen 15 Jahren ist er ja nun auch ein Teenager in voller Blüte der Pubertät.

Welche Voraussetzungen braucht eine Familie für eine solche Pflegschaft?

Als Voraussetzungen muss man verschiedene Dinge mitbringen: Gesundheit – ärztlich bescheinigt das man weder Drogenabhängig ist noch in den nächsten Jahren an einer bereits diagnostizierten Krankheit sterben oder durch diese eingeschränkt sein wird. Toleranz – es ist nicht immer einfach mit einem nicht eigenen Kind. Ausdauer – das Verfahren kann manchmal anstrengend und langwierig sein. Stabile Verhältnisse – das Kind – in unserem Fall der Teenager – ist ja nicht aus ruhigen Verhältnissen gekommen und daher sollte man versuchen wieder Ruhe und Unterstützung in die Situation zu bringen- Einwandfreies Führungszeugnis – ist klar warum, man hat nun schließlich ein Kind / Teenager in Obhut.
(Hier mal eine kleine Auflistung aus dem Internet: http://www.pfad-bv.de/dokumente/Wissensdatei/Voraussetzungen%20Pflegschaft.pdf)

Was gibt dir diese Pflegschaft?

Mir gibt diese Pflegschaft an sich nichts, aber ich selber habe nicht bis zur Vollendung meiner Volljährigkeit in meinem Elternhaus gelebt. Auch ich bin früh von zu Hause raus (noch früher sogar) und ich denke immer: Es passiert nichts im Leben ohne Sinn, auch wenn es manchmal sehr lange dauert diesen zu sehen und ich glaube irgendwie, dass ich das damals durchgemacht habe um dem Jungen heute zu helfen. Ich wäre froh gewesen, hätte es damals jemanden gegeben, der sich derart ein Bein für mich und meine Situation ausgerissen hätte.

Also gibt mir diese Familienpflegschaft einfach das Gefühl helfen zu können und für den Jungen da zu sein.

Warum ist das Kind bei euch ?

Wie gesagt, zwei vollkommen unterschiedliche Charaktere zwischen Vater und Sohn mit unglaublich verschiedener Weltanschauung und Wahrnehmung gepaart mit der wachsenden Pubertät und dem eigenem Erwachsen werden. Da hat sich seit vielen Jahren ein Fass gefüllt mit Missverständnisse, mit Enttäuschungen, Vorwürfen, Erwartungen, Traurigkeit, Wut….irgendwann war der berühmte Tropfen gekommen, der das Fass zum Überlaufen brachte – und genau das war nun im letzen Dezember passiert und ich bin froh, dass wir als Hafen angesteuert werden konnten, denn das zeugt uns ja auch jede Menge Vertrauen…

War es schwer, das ’neue‘ Kind in die Familie zu integrieren?

Da meine Tochter alle Menschen erst mal toll findet, die mir ihr spielen und alle, die mehr als drei Tage bei uns sind in ihrer Welt hier wohnen, war es nicht schwer. Der Große gibt sich aber auch irre viel Mühe mit ihr und sagte einmal, dass er gerne all das, was sein Onkel jemand für ihn getan hat, in irgend einer Form an die kleine Motte weiter geben möchte… manchmal ist es sogar eine Erleichterung wenn die beiden dann doch auch mal alleine spielen und ich mal ohne zweieinhalbjährige am Hosenbein das Bad sauber bekomme.

Allerdings darf man natürlich die Teenagerproblemchen und die Hormonladungen in diesem Alter nicht unterschätzen – das ist manchmal gar nicht so einfach ein Kind zu haben welches plötzlich Teenager ist. Bei unserem leiblichem Kind wachsen wir ja in diese Phase rein….

Du bist Mama und arbeitest trotzdem: Füllt dich das komplett aus ?

Ich bin gerne Mama und ich arbeite gerne. Das eine will man, das andere ist einfach nötig…. anfangs wolle ich gerne die ersten drei Jahre zu Hause bleiben, doch da wir uns gerade in den letzten Zügen des Hausbaues befanden und uns nun mal einen Traum erfüllten, wusste ich, dass wird nix. Nach 13 Monaten litt ich an einem regelrechtem „Babykoller“, so das ich mit dem 14tem Lebensmonat in einem Klamottenladen jobben ging. Ich hatte das Gefühl sonst bald selber zu krabbeln und brabbeln wenn ich nicht dringend was mit Erwachsenen machen würde. Dieser Job half mir über diese Phase hinaus, war allerdings nicht das, was mich erfüllen sollte. Zumal ich wusste, dass ich das Büro irgendwann übernehmen werde, wenn Oma sich langsam zur Ruhe setzen wollte. Als ich merkte, dass dieser Job im Klamottenladen mehr Belastung als Spaß mit sich brachte, beendete ich diesen und nahm die Arbeit in der Firma meines Mannes auf. Hier kann ich von zu Hause aus arbeiten und arbeite zwar so oftmals am Abend und viel später als Angestellte, aber ich hab den Luxus den Nachmittag lieber in der Sonne zu genießen und dann am Abend noch ein zwei Stündchen dran zu hängen…. was allerdings auch nicht immer nur positive Seiten hat…. Die Nächte sind kürzer und man arbeitet von zu Hause aus nicht gerade weniger – tendenziell eher viel mehr als wenn man in ein Büro geht, außerdem kommt man nicht aus dem Haus raus (manchmal ist das als Mama fast Urlaub wenn man mal zur Arbeit gehen darf – das habe ich nun nicht mehr, aber ab Sommer kommt das Mottchen ja in den Kindergarten und ich kann Vormittags mehr schaffen und die Nächte werden dann hoffentlich auch wieder länger.

Wie stehst du zu Müttern, die nach der Geburt nicht mehr arbeiten gehen ?

Das kann ich akzeptieren und viel wichtiger noch – respektieren. Da müssen verschiedene Dinge mitspielen und da meine ich nicht nur die wirtschaftliche Lage. Wir Mütter sind alle verschieden und jede kann, darf und muss ihren eigene Weg finden- Toleranz und Respekt gegenseitig wäre einfach nur wichtig und der Gesellschaft macht man es eh niemals recht – da hat immer irgendwer was zu meckern ob man nun zu Hause bleibt oder wieder arbeitet….

Du und dein Mann habt euch trotz der Pflegschaft noch für ein zweites Kind entschieden: Warum ?

Bei uns war das leibliche Kind ja zuerst da, daher gab es diese Entscheidung im umgekehrten Sinne. Ich hab es mir nicht einfach gemacht mich für das Pflegekind zu entscheiden. Schließlich war damit auch der Gedanke an ein zweites eigenes Kind erst mal für längere Zeit auf Eis gelegt und da kann und konnte ich mich nicht von frei sprechen. Nun bin ich erst 29 Jahre alt und könnte selbst nach dem Auszug des Pflegekindes nochmal eines hinterher planen, aber ich war mir einfach schnell der Verantwortung und der Tragweite dieser Entscheidung im Klaren und habe daher lange hin und her überlegt und viele Variationen in meinem Kopf durchspielt – entschieden hat dann letztendlich einfach auch mein Herz – unser Herz!!

War es ein Wunschkind ?

Unsere leibliche Tochter war ein absolutes Wunschkind, denn ich habe dann ein Wunschkind, wenn ich mich aktiv für die Schwangerschaft und damit das Kind entscheide. Auch wenn die zeitliche Planung eigentlich vorgesehen hätte, dass wir erst das Haus fertig bauen und dann das Kind bekommen – aber es gibt keinen perfekten Zeitpunkt und sie ist das beste was uns jemals passiert ist!! Ohne sie wären wir niemals eine Familie geworden – eine komplette Familie!!

Wie verbindest du Beruf und Kindererziehung ?

Ich  kann größtenteils von zu Hause aus arbeiten. Das Meiste schaffe ich in ihren Schlafenszeiten und wenn der Mann nach Hause kommt. Zweimal die Woche ist sie für zwei Stunden im Spielkreis und noch habe ich die Oma im Rücken – aber nur wenn wirklich was ist und wenn das Kind dann im Kindergarten ist, dann hab ich sie nur noch zur eventuelle Kinderbespaßung, dann möchte sie aussteigen…. Ich denke, dann werde ich das meiste Vormittags schaffen müssen – inklusive Haushalt (wir haben großes Haus mit Garten, da ist immer was zu tun), Kochen, Jugendamtsdinge (mit dem arbeiten wir durch den Jungen ja nun sehr intensiv zusammen), schulische Angelegenheiten etc.. Mein Plan ist dann nachmittags intensivere Zeit mit der Kleinen zu verbringen, wenn sie schon den ganzen Vormittag nicht mehr bei mir ist.

Dein Mann hat sich selbstständig gemacht: Wie war diese Zeit für die Familie ?

Mein Mann ist schon sehr lange selbstständig. Als wir zusammen kamen bzw. und kennen lernten war er gerade in die Firma seines Vaters eingestiegen. Das ist nun schon über zehn Jahre her. Momentan lösen wir den Schwiegervater langsam emotional aus der Firma, da er doch auch gerne mal sein Rentnerdasein genießen soll, was aber nicht so einfach für ihn ist und ich mache das Büro unserer Firma. Es ist eine wahnsinnige Verantwortung, denn als Angestellte ist man ja nur angestellt, aber in der eigenen Firma wird auch noch lange nach Feierabend gearbeitet (eben in den Schlafenszeiten des Kindes) und wenn ich hier Murks bauen sollte, dann geht das eben direkt an unsere eigene Existenz….

Wie habt ihr das geschafft? 

Wir sind immer stetig dabei es zu schaffen. Ich muss mein Zeitmanagement noch perfektionieren, denn mit Kindern kommt es viel zu oft anders als geplant und das ist ja so eigentlich gar nicht mein Ding, aber wir arbeiten stetig an uns, denn wir wissen ja wofür wir es tun….

feierSun HändeWelche Werte sind für dich am wichtigsten ?

Diese Frage haben wir uns schon lange vor der Geburt oft gestellt und ich denke wir leben ihnen täglich wichtige Dinge wie Dankbarkeit, Wertschätzung, Einsicht, Liebe, Fürsorge, Familenzusammenhalt, Ehrgeiz, das man für etwas arbeiten muss wenn man etwas erreichen muss und all diese wichtigen Dinge vor.

Und wie bringst du sie deinen Kindern bei ?

Ich denke, dass das Vorleben eben der Schlüssel ist.
Ich kann nicht von meinen Kindern verlangen, dass es sich entschuldigen, wenn ich es niemals mache. Wie kann ich Dankbarkeit erwarten, wenn meine Kinder nie sehen, dass ich mich bedanke.

Dieser Artikel erschien zuerst auf Royalcoeur

 

Beim Lesen muss ich schmunzeln was ich geantwortet habe. Hinter dem ein oder anderem stehe ich noch total, anderes belächele ich und bei noch anderem liege ich lachend unterm Tisch. Meine kleine Zeitreise und dabei wird mir bewusst, wie viel sich doch in so kurzer Zeit ändern kann.

 

In diesem Sinne ~ die ein oder andere Ansicht hat sich vielleicht geändert, aber wir wandeln uns alle mit der Zeit und der Entwicklung. Eines jedoch ist geblieben – wir als etwas andere Familie!!

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Kategorie Pflegschaft

Hier schreibt JesS (32), (Pflege-) Mutter, Autorin und selbstständige Unternehmerin. Zwischen Pflegschaft, Elternsein, Gedanken, LifeStyle und der Liebe zur Fotografie nimmt sie Euch mit auf das Abenteuer Familienleben. Mit viel Herzblut, Authentizität und noch mehr Liebe zu den Dingen die sie tut.

3 Kommentare

    • Das hört sich spannend an, magst DU mir das per Email an info@feiersun schicken, denn momentan bin ich im Urlaub und hab irre schlechtes Internet. Aber ich denke da wird mir was zu einfallen.

      • Huhu Jessi,

        ja klaro. Schicke Dir die Fragen per Mail, dann kannst Du ja überlegen, ob es was für Dich ist.
        Habt einen schönen Urlaub. Freue mich von Dir zu lesen:)
        LG,
        FrauBitte

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